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Juni 2026

100 Jahre Chiemseer Dirndl & Tracht

Unser Verkaufshaus früher und heute

Ein Interview von Friedrich M. Kirn zu 100 Jahren Firmengeschichte


Unser Verkaufshaus früher und heute

Ein Radiospruch machte einen kleinen Ort am Chiemsee weit über Bayern hinaus bekannt. Hinter der Marke Chiemseer Dirndl & Tracht steht seit fast einem Jahrhundert die Familie Ehrenleitner. Kurz vor dem 100-jährigen Jubiläum empfängt uns Seniorchef Rudolf Ehrenleitner gemeinsam mit seinem Enkel Marco und Tochter Sybill Ehrenleitner im großzügigen Verkaufsgeschäft des Unternehmens in Übersee am Chiemsee.

„Auf nach Übersee, nicht nach Amerika. Nach Übersee am schönen Chiemsee, zu Chiemseer Dirndl & Tracht.“ Rudolf Ehrenleitner spricht den Satz mit einem dezenten Lächeln. Als hätte er ihn gerade erst aufgeschrieben. Dabei ist es gute fünf Jahrzehnte her, dass er diesen Spruch für seinen ersten Radiospot formulierte. Doch noch immer klingt er so frisch, als könnte gleich ein Mikrofon aufspringen. Wir stehen im großen Verkaufsgeschäft von Chiemseer Dirndl & Tracht in Übersee am Chiemsee. Rund um uns hängen Dirndl in ruhigen Pastelltönen, Trachtenkleider, Westen und Lederhosen. Es riecht nach Stoffen und Holz, nach einem Geschäft, das seit Generationen gewachsen ist. Neben dem Seniorchef steht sein Enkel Marco Ehrenleitner. Er gehört zur vierten Generation der Familie und führt das Unternehmen heute als Mitgeschäftsführer.

Ein paar Schritte weiter sortiert Sybill Ehrenleitner Stoffmuster auf einem Tisch. Jahrzehnte lang waren Marianne und Rudolf Ehrenleitner für die Entwicklung der Dirndlmodelle verantwortlich. Inzwischen hat Sybill Ehrenleitner, eine von zwei Töchtern, diesen Bereich übernommen. Als Designerin prägt sie den Stil des Hauses nun entscheidend. „Bei uns entsteht vieles noch direkt hier im Haus“, sagt sie und streicht über einen Stoff. „Und am Ende reden sowieso immer alle mit.“ Die zweite Tochter Evelyn Ehrenleitner ist in der Verwaltung tätig und zuständig für Personal und Versand.

Ein Spot schreibt Radiogeschichte

Das ist keine Übertreibung. An diesem Nachmittag sitzen tatsächlich drei Generationen der Familie Ehrenleitner im selben Raum. Der Großvater, der einst den berühmten Radiospruch erdachte. Der Enkel, der das Unternehmen heute führt. Und die Tante, die den Entwürfen des Hauses ihre Handschrift gibt.

Der Spot über Übersee, der Radiogeschichte schrieb, ist mehr als klassische Abverkaufswerbung. Er steht für eine Einladung an Menschen, den Weg an den Chiemsee zu finden und dabei in Übersee anzuhalten. Denn genau darum ging es Rudolf Ehrenleitner immer. Menschen sollten den Ausflug an den Chiemsee mit einem Besuch im Geschäft verbinden. Wer ohnehin unterwegs war, sollte den Blinker setzen und Richtung Übersee fahren. Dass daraus eine der bekanntesten Trachtenadressen Bayerns entstehen würde, konnte damals noch niemand ahnen.

100 Jahre Chiemseer Dirndl - wichtige Stationen

1926 gründete die Familie Ehrenleitner im Nachbarort Grabenstätt eine Krämerei mit einem breiten Sortiment für den täglichen Bedarf.
1938 zog der Betrieb nach Übersee am Chiemsee um. Die bessere Verkehrsanbindung und der Bahnhof machten den Ort zu einem geeigneten Standort für Handel und Versorgung.
1950er-Jahren begann die Familie den Schwerpunkt zunehmend auf Trachtenmode zu legen. Erste Dirndl wurden im Haus genäht, unterstützt von Näherinnen aus der Region.
1961 entstand schließlich eine eigene Dirndlstube, ein Verkaufsbereich ausschließlich für Trachtenmode.
Mitte der 1960er folgte der Versandhandel mit einem eigenen Katalog. Kundinnen aus ganz Deutschland konnten nun Dirndl aus Übersee bestellen.
1975 begann die Radiowerbung im Bayerischen Rundfunk. Der Claim „Auf nach Übersee, nicht nach Amerika, nach Übersee am schönen Chiemsee, zu Chiemseer Dirndl & Tracht“ wurde schnell zum Markenzeichen des Unternehmens.
1984 entschied sich die Familie endgültig für die Spezialisierung auf Tracht. Das ursprüngliche Kaufhauskonzept wurde aufgegeben und der Fokus lag nun vollständig auf Dirndl und Trachtenmode.
Heute wird Chiemseer Dirndl & Tracht in der vierten Generation von der Familie Ehrenleitner geführt. Viele Kundinnen reisen seit Jahrzehnten regelmäßig nach Übersee am Chiemsee, manche sogar aus mehreren hundert Kilometern Entfernung.
2026 feiert das Unternehmen sein 100-jähriges Bestehen.

Von der Krämerei zum Trachtenhaus

Die Geschichte des Unternehmens beginnt im Jahr 1926, allerdings nicht in Übersee, sondern im benachbarten Grabenstätt. Dort eröffneten die Eltern des heutigen Seniorchefs am 14. März eine Krämerei, ein klassisches Geschäft für den täglichen Bedarf. Im Sortiment fand sich damals alles, was man im Alltag brauchte: Lebensmittel, Kurzwaren, Textilien und auch Werkzeuge. Letztere kamen aus der Region, unter anderem aus einer Hammerschmiede in Marwang, die bereits um 1900 von Verwandten der Familie betrieben wurde.

Ausgeliefert wurde noch auf traditionelle Weise. „Da sind sie mit der Kutsche bis nach Traunstein gefahren“, erzählt Marco Ehrenleitner. Es sind Geschichten, die bis heute in der Familie weitergegeben werden und ein Bild davon vermitteln, wie eng Handel, Handwerk und Region damals miteinander verbunden waren.

1938 zog der Betrieb schließlich nach Übersee am Chiemsee um. Der Ort bot bessere logistische Voraussetzungen, vor allem durch den Bahnhof und die wachsende Verkehrsanbindung. Aus der Krämerei entwickelte sich nach und nach ein größeres Ladengeschäft mit erweitertem Sortiment. Noch war Tracht nur ein kleiner Teil des Angebots. Doch genau hier begann sich das Profil des Hauses langsam zu verändern.

Die ersten Dirndl im Laden

Dass Dirndl einmal zum Markenzeichen des Hauses werden würden, war ursprünglich nicht geplant. Die Großmutter der heutigen Inhaber hängte irgendwann einige selbst gefertigte Stücke in den Laden. Eigentlich waren sie für den eigenen Gebrauch gedacht. „Das war eher zufällig“, sagt Marco Ehrenleitner. „Aber die Leute haben danach gefragt.“ Damals war es keineswegs üblich, Trachtenmode fertig zu kaufen. Wer ein Dirndl brauchte, ließ es sich von einer Schneiderin anfertigen. Doch die Stücke aus dem Laden der Ehrenleitners fanden schnell Interesse. Bald wurden im Haus selbst Dirndl, Blusen und Schürzen genäht. Eine Tante aus der Familie war Schneiderin und brachte viel handwerkliches Wissen ein. Die Nachfrage wuchs und mit ihr die Produktion.

Störnäherinnen und Heimarbeit

In den 1950er-Jahren arbeitete das Unternehmen mit sogenannten Störnäherinnen. Das waren Näherinnen, die traditionell in die Häuser kamen, wenn Näharbeiten anfielen. Dieses Prinzip wurde auf den Betrieb übertragen. „Die sind einfach zu uns hier in das Haus gekommen und haben in unseren Räumlichkeiten genäht“, erzählt Marco Ehrenleitner. Später entwickelte sich daraus ein System der Heimarbeit. Die Zuschnitte wurden im Haus vorbereitet, genäht wurde bei Näherinnen in der Region. Damit blieb die Produktion eng mit dem Chiemsee verbunden.

Die Geburt der Dirndlstube

Mit der Zeit wurde der Trachtenbereich immer wichtiger. 1956 durfte sich das Geschäft offiziell Kaufhaus nennen, eine Anerkennung durch die Industrie- und Handelskammer. Doch das eigentliche Herzstück entstand wenige Jahre später. 1961 richtete die Familie eine eigene Dirndlstube ein, ein Verkaufsbereich ausschließlich für Trachtenmode. Nur drei Jahre später folgten bundesweite Anzeigen in Zeitungen und der erste Versandkatalog. „Hier waren wir Vorreiter in unserer Branche“, sagt Marco Ehrenleitner. Der Versandhandel entwickelte sich zu einem wichtigen Bestandteil des Geschäfts. Kunden konnten Dirndl bestellen, ohne selbst nach Übersee zu kommen. Trotzdem blieb der Laden am Chiemsee bis heute das Zentrum des Unternehmens.

Parallel dazu erlebte die Tracht in den 1980er-Jahren eine Renaissance. „Früher ist eigentlich kaum jemand im Dirndl auf die Wiesn gegangen“, erinnert sich Sybill Ehrenleitner. Das änderte sich mit der neuen Popularität der Trachtenmode. Dirndl wurden moderner interpretiert, kürzere Varianten tauchten auf, neue Stoffe und Farben hielten Einzug. Das Dirndl selbst hat jedoch eine lange Geschichte. Ursprünglich war es Arbeitskleidung für Mägde. Die Schürze schützte das Kleid bei der Arbeit, der Schnitt war praktisch und robust. Erst später übernahm die städtische Gesellschaft das Kleidungsstück und machte daraus ein Symbol für Tradition, Weiblichkeit und festliche Anlässe. „Mit einem Dirndl schaut jede Frau besser aus“, sagt Sybill Ehrenleitner mit einem Augenzwinkern. „Es hebt die Vorzüge hervor.“


Erster Versandkatalog 1964

Design aus Übersee

Die Entwürfe entstehen bis heute im Haus. Inspiration liefern Modetrends, Stoffe und Fachmessen, vor allem die Trachtenmesse in Salzburg. „Wir schauen natürlich, was gerade passiert“, sagt Sybill Ehrenleitner. „Aber man muss es dann so umsetzen, dass es zum eigenen Stil passt.“ Der Grundschnitt des Dirndls hat sich über Jahrzehnte kaum verändert. Variationen entstehen vor allem durch Stoffe, Farben und Details. Aktuell sind längere Dirndl gefragt, oft Ton in Ton, eher schlicht und elegant. „Reduziert, Pastelltöne, etwas länger“, beschreibt Marco Ehrenleitner den Trend. Modische Übertreibungen vermeidet das Haus bewusst. „Zottelschürzen oder Pailletten haben wir nie gemacht“, sagt er. „Wir wollten immer einen zu unserem Haus passenden Mittelweg finden.“

Regionalität: Materialien aus Bayern und Europa

Tracht lebt von Authentizität und für Chiemseer Dirndl & Tracht beginnt diese bereits bei der Herkunft der Materialien. Während ein Großteil der weltweit produzierten Trachtenmode heute industriell in Fernost gefertigt wird, verfolgt das Familienunternehmen bewusst einen anderen Weg. Die Stoffe für die Dirndl stammen ausschließlich aus Europa. Viele Materialien, darunter Leinen, Baumwolle, Walk oder Loden, werden direkt aus Bayern oder Österreich bezogen. Damit setzt das Unternehmen auf kurze Lieferwege und transparente Produktionsketten. Für das Unternehmen bedeutet das Qualität vor Masse und regionale Wertschöpfung vor globaler Billigproduktion. Die Verbindung aus regionaler Produktion, europäischen Stoffen und handwerklicher Verarbeitung ist damit ein zentrales Element der Marke Chiemseer Dirndl und ein wichtiger Grund, warum viele Kundinnen seit Jahrzehnten immer wieder nach Übersee am Chiemsee kommen.

Regionale Materialien

Ein zentraler Bestandteil der Unternehmensphilosophie ist die Herkunft der Materialien. Die traditionellen Stoffe wie Walk, Loden oder edlem Jacquard stammen ausschließlich aus Europa. Viele Materialien werden direkt aus Bayern oder Österreich bezogen. Verarbeitet werden Naturfasern wie Leinen und Baumwolle sowie traditionelle Stoffe wie Walk. „Wer einen traditionellen Betrieb führen will, muss auch bei den Materialien glaubwürdig bleiben“, unterstreicht Marco Ehrenleitner. „Das geht nicht mit Stoffen aus Fernost.“ Die Produktion erfolgt noch immer am Standort Übersee. Dort betreibt das Unternehmen eine eigene Schneiderei, in der auch Maßanfertigungen und Änderungen vorgenommen werden.

Treue Mitarbeiter, treue Kunden

Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten seit Jahrzehnten im Betrieb. „Der Großteil ist über 25 Jahre da“, sagt Sybill Ehrenleitner. Diese Verbundenheit spüren auch die Kunden. Viele kommen seit Jahren oder sogar Jahrzehnten nach Übersee. Manche nehmen dafür lange Anfahrtswege in Kauf. „Es gibt Stammkunden, die fahren 200 oder 300 Kilometer extra zu uns“, so Marco Ehrenleitner. Oft verbinden sie den Einkauf mit einem Ausflug an den Chiemsee.

Ein Jubiläum mit Geschichte

Kurz vor dem 100-jährigen Jubiläum wirkt das Unternehmen lebendig und zugleich traditionsbewusst. Der Seniorchef sitzt als ideenreicher Impulsgeber noch immer mit am Tisch. Der Enkel führt das Geschäft. Die Tochter entwirft die Dirndl. Drei Generationen unter einem Dach. Draußen vor der Tür beginnt der Weg zum See. Und irgendwo erinnert sich vielleicht noch jemand an den Satz aus dem Radio, mit dem alles begann. „Auf nach Übersee, nicht nach Amerika, nach Übersee am schönen Chiemsee, zu Chiemseer Dirndl & Tracht.“

Friedrich M. Kirn